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Der heilige Ernst und das Spiel

Das besondere am Fußballspiel ist die stillschweigende Übereinkunft, es ernst zu nehmen. Offensichtlich hat sich die halbe Welt darauf geeinigt, in diesem Spiel die menschliche Grunderfahrung zu ritualisieren, Neuland zu erobern. Schon immer wurden für diese Abenteuer mit ungewissem Ausgang die besten Männer einer Gruppe ausgewählt. Zum einen, weil sie die körperlich fittesten waren. Zum anderen, weil sie verzichtbar waren. Ein paar junge Männer mehr oder weniger spielten, anders als Frauen, für die reproduktive Quantität und Qualität einer Gesellschaft keine Rolle. War also die Aufgabe zu lösen, diese Kohorte für Himmelfahrtkommandos zu gewinnen. Zwang und Gewalt kamen nicht in Frage, schließlich sollten sie in der Fremde auf sich allein gestellt alles fürs eigene Volk geben. Blieben also nur Ruhm und Reichtümer. Und genau aus diesem Mittel zum Zweck wurde ein Selbstzweck. Es haben sich Muster gebildet, die zu den größten Verheerungen der Menschheit geführt haben.

 

Deshalb sollten wir aufatmen, wenn wir die jungen Männer, mit glasigem Blick und Hand auf dem Herzen in Turnhosen die Nationalhymnen singen hören und nicht im Kampfanzug. Sie wurden geschickt, den goldenen Pokal zu holen. Ihnen in den Weg stellen sich die Gesandten anderer Länder. Sie werden kämpfen und sie werden siegen oder verlieren aber wehe, sie strengen sich nicht an. Verlieren sie, verlieren wir. Gut, dass sich das Martialische ins Symbolische bewegt hat. Wenn auch leider nicht auf der ganzen Welt. Gut, dass die Spieler mit heiligem Ernst zur Sache gehen. Denn wenn sie simulierten, wäre es Verrat. Verrat an der Idee, zu tun, als ob. Deshalb blasen wir in die Vuvuzelas, schreien uns die Seele aus dem Leib und lassen die Fahnen knattern bei 180 Sachen. So holen wir das Symbolische wieder ins Reale und merken in lichten Momenten, dass der heilige Ernst des Spiels nichts weniger reflektiert, als die spielerische Essenz des Lebens.

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